Deshalb macht man ja den Leinenruck von oben nach unten. (Fortsetzung)

Hundetraining

Vor kurzem haben meine Kollegin Ines und ich uns über eine Frage ausgetauscht, die im Training mit Hunden und Menschen immer wieder mal aufkommt. Und zwar das Thema Leinenruck. Vor längerer Zeit habe ich einen Blogartikel zu den negativen gesundheitlichen Folgen eines Leinenrucks verfasst. Meinungen zu diesem Thema gibt es viele, ich möchte insbesondere kritische Themen immer möglichst wissenschaftlich betrachten. Nun kam im Austausch mit Ines, die selbst auch Hundetrainerin ist und in ihrer Arbeit mir Mensch und Hund Aufklärungsarbeit leistet, die Frage auf, warum nicht nur der Leinenruck von unten nach oben abzulehnen ist, sondern auch von oben nach unten oder von der Seite. Auch in den Kommentaren meines Beitrags über die Folgen des Leinenrucks gab es die Meinung, dass ein Ruck von oben im Nacken, oder von der Seite, weniger schlimm für den Hund ist und daher in der Hundeerziehung Anwendung finden könne. Möglicherweise sei der Hund dort besser bemuskelt und diese Muskulatur schütze den Hund dann vor Beschädigung.

Auf der Suche nach einer fachlichen und anschaulichen Begründung, warum der Leinenruck in allen erdenklichen varianten abzulehnen ist, habe ich mal in meinen Anatomieunterlagen recherchiert und die Muskulatur de Hundes im Bereich des Halses anschaulich herausgearbeitet.

Dabei sollte man folgendes über die Muskulatur in unserem Körper wissen: Jeder Muskel hat einen Ansatz und einen Ursprung, sozusagen zwei Enden, die häufig an Knochenvorsprüngen befestigt sind. Die verschiedenen Muskeln (und es sind wirklich sehr sehr viele) lassen sich entsprechend ihrer Aufgabe oder Funktion in Gruppen einteilen. Oftmals überspannen sie ein Gelenk und ermöglichen durch Kontraktion (Zusammenziehen) die Beugung oder Streckung des entsprechenden Gelenks.

In der Folge kann also eine gewisse Kraft erzeugt werden und es ist beispielsweise möglich, das Bein zu bewegen oder den Kopf zu drehen, das Auge zu öffnen oder den Kopf zu schütteln.

Am Hals befinden sich folgende Muskelgruppen, die gemeinsame Aufgaben erfüllen:

  • Besondere Beweger des Kopfes: Subtile Haltungsänderung des Kopfes, beispielsweise Körperpflege, Nick- und Schüttelbewegungen oder die Orientierung im Raum.
  • Lange Hals- und Rückenmuskulatur: Strecken, Aufrichten, Seitwärtsbiegen und Versteifen des Halses.  
  • Oberflächliche und tiefe Schultergürtelmuskulatur: Bei einseitigem Zusammenziehen wird der Hals in die eine Richtung gebogen, bei beidseitigem Zusammenziehen können Kopf und Hals gebeugt werden. Außerdem ist die Schultergürtelmuskulatur für die Bewegung der Vordergliedmaße verantwortlich.

Auf den von mir erstellten Zeichnungen, siehst du eine starke Vereinfachung der Muskeln, sowie deren Ansatz und Ursprung.

Bei den langen Hals- und Rückenmuskulatur könnte man jetzt denken, nun ja, die dient ja der Versteifung des Halses, da könnte es mit dem Leinenruck von oben nach unten ja stimmen. Da liegen ja dann auch keine wichtigen Nerven oder Gefäße, da macht das dem Hund bestimmt nichts. Für mich ist dabei jedoch folgender Aspekt entscheidend: Der Leinenruck kommt ja meisten „ruck“artig und trifft den Hund unvorbereitet. Eigentlich sollte der Hund ja möglichst entspannt an der Leine laufen und nicht mit angespannter Hals- und Rückenmuskulatur. Solange ein Muskel entspannt ist, kann er seine Aufgabe (hier das Versteifen des Halses) nicht erfüllen. Ein passendes Beispiel könnte folgendes sein: Du fährst in einem alten Auto ohne Federung einen nicht befestigten Waldweg mit Schlaglöchern entlang. Mit jedem Schlagloch trifft es dich im Nacken. Auf Dauer möchte ich das nicht aushalten müssen.

Was ist das Fazit aus diesem Artikel?

Der Leinenruck ist aus meiner Sicht grundsätzlich abzulehnen. Lass dich nicht von anderen Menschen zu etwas drängen, was sich für dich und deinen Hund nicht gut anfühlt. Es gibt sehr viele Gründe, weshalb ein Hund an der Leine zieht. Im Blogartikel über die Folgen des Leinenrucks habe ich geschrieben, dass die Leinenführigkeit an sich, nicht mehr als ein Trick ist. Dieser Meinung bin ich nach wie vor. Damit meine ich nicht, dass wir einfach nur ein paar Leckerchen brauchen, um dem Hund ein Kunststück beizubringen, sondern dass für alle Grundsignale dasselbe gilt. Der Hund muss in kleinen Schritten lernen, was die Grundsignale bedeuten und welches Verhalten er zeigen soll. Das Training erfolgt dann in kleinen Schritten, mit dem Ziel, dass dieser (eigentlich simple Trick, nämlich an der Seite zu laufen) auch in stark ablenkungsreicher Umgebung funktioniert. Und da ist oftmals viel Fleiß und das richtige Timing und vor allem Geduld gefordert. Eine gute Leinenführigkeit ist aller Regel kein Hexenwerk, sondern ein Ergebnis von Wiederholung und Konsequenz im Alltag.

Soll man denn jetzt besser ein Geschirr benutzen und kein Halsband?

Ein gut sitzendes! Geschirr ist aus meiner Sicht absolut vorzuziehen, solange dein Hund noch nihct zuverlässig an lockerer Leine läuft. Im Training kann man ruhig zwischen geschirr und Halsband wechseln. Kann ein Hund sehr gut an lockerer Leine in allen möglichen lebenslagen laufen, spricht nichts gegen ein Halsband oder eine Moxonleine mit Zugstopp.

Ich vergleiche das Tragen des Geschirrs gerne mit einem Rucksack für die Erstklässler für die Grundschule. Hierbei schauen die Eltern oftmals aus gesundheitlichen Gründen darauf, dass ein spezieller Rucksack ausgewählt wird, bei dem das Gewicht im Rucksack so auf den Rücken verteilt wird, dass möglichst keine gesundheitlichen Folgen entstehen.

Quelle: Nickel, Schummer, Seiferle, Anatomie der Haussäugetiere

Tierärztin, Autorin und deine Hundeexpertin: Valérie Pöter

Über mich

Valérie Pöter hat 2017 ihr Staatsexamen als Tierärztin abgelegt und ist seit 2018 als Hundetrainerin tätig.

In ihrer Hundeschule in Oldenburg legt sie großen Wert auf Spaß und Motivation im Training und auf die verständliche Erklärung komplexer Zusammenhänge.

Diese Fähigkeiten brachten sie zusammen mit ihrer Leidenschaft fürs Zeichnen dazu, Fachwissen rund um den Hund auf ihrem Blog strukturiert und kreativ zu vermitteln – die Idee zu den FAQ Hund war geboren!

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