Ein Hund zieht ein: Was kommt da eigentlich trainingstechnisch auf mich zu?

Hundetraining

In meinem beruflichen Alltag als Hundetrainerin treffe ich oftmals auf Hundebesitzer, die mit einem Thema auf mich zukommen, dass sie sehr belastet und deren Lebensqualität und Alltag durch ihren Hund sehr eingeschränkt ist, sodass es kaum noch auszuhalten ist.

Oftmals haben die Menschen dann große Hoffnungen, dass das Training ganz schnell zu einer Verbesserung führt und sie endlich aufatmen können. In manchen Fällen habe ich sogar die Möglichkeit, Menschen zu beraten und zu unterstützen, bevor ein Vierbeiner bei ihnen einzieht.

Doch wie läuft ein solches Training eigentlich ab und wie lange dauert es, bis sich endlich der gewünschte Erfolg einstellt. Muss ich tausende von Euro für einen Training ausgeben, mehrmals die Woche ein Einzeltraining in Anspruch nehmen, starte ich am besten direkt mit dem Welpenkurs oder passt für mich eigentlich das Gruppentraining viel besser, als das Einzeltraining? Wie erziele ich schnelle Erfolge und wann sollte ich besser einfach aufgeben?

Stellen wir uns einmal vor, dass ein Hund einzieht. Egal ob es sich dabei um einen Tierschutzhund handelt oder um einen Welpen. Die Wünsche an einen Familienhund, der einen überall hin entspannt im Alltag begleitet sind oftmals sehr identisch. Die Realität sieht dann aber oftmals anders aus. Ich habe Diskrepanz zwischen den Wünschen und der Realität, die mir im Training immer wieder und sehr häufig begegnen einmal gegeneinander aufgelistet:

Wünsche/Illusionen:Oftmals erst einmal die Realität:
Bleibt brav zu Hause und schläft, solange ich nicht da binStattdessen zerstört er die Wohnung und heult, sobald du nur den Raum verlässt
Freut sich, wenn ich nach Hause komme und hat mich vermisstSpringt dich an und versucht in deine Hände zu schnappen
Möchte gestreichelt werden und schmust sehr gerne und ausgiebig mit mirEntzieht sich dem Streicheln und such grundsätzlich wenig Nähe, möchte lieber Zieh- und Zerrspiele machen
Mag andere Hunde und ist ihnen freundlich gegenüber eingestelltReagiert aggressiv an der Leine auf andere Hunde
Ich kann mich mit anderen Hundebesitzern treffen und die Hunde spielen miteinanderDa er jagdlich ist, kannst du ihn nicht von der Leine lassen
Wenn ich fleißig übe kann ich andere Menschen und meine Nachbarn beeindrucken wie gut erzogen mein Hund istStattdessen zerrt und zieht er an der Leine, bellt Menschen und andere Hunde an und es scheint, als wärst du ihm draußen egal
Mein Hund schläft mit mir im Bett und kuscheltStattdessen fängt er an zu knurren und lässt deine/n Partner/in nicht ins Schlafzimmer eintreten
Menschen gegenüber ist mein Hund freundlich und lässt sich von anderen gerne streichelnStattdessen knurrt er und schnappt oder hat so große Angst, dass er zittert und weglaufen möchte
Mein Hund mag Kinder und spielt gerne mit ihnenStattdessen springt er Kinder an und wirft sie um
Mein Hund ist draußen aufmerksam und freut sich Zeit mit mir verbringen zu dürfenStattdessen ist die Nase am Boden, es wird alles gefressen was rumliegt und dein Hund hört überhaupt nicht
Auto fährt mein Hund gerne, denn er kommt immer gerne überall hin mitStattdessen macht er die totale Randale im Auto und kommt dort nicht zur Ruhe
Ich treffe mich regelmäßig mit meinen Freunden und wir gehen mit Hund ins Café oder ich lade meine Freude zu mir nach Hause einBesuch kann eigentlich gar nicht mehr vorbei kommen, weil er knurrt und zur Tür rennt und schnappt, die Menschen möchten gar nicht mehr zu euch kommen
Mein Hund hat mich lieb und wir haben ein sehr enges Verhältnis, daher hört er auch sehr gut auf michStattdessen beißt er oder schnappt wenn ihm etwas nicht passt, draußen zieht er an der Leine und kommt nicht, wenn du ihn rufst
Ich mache gerne lange Spaziergänge mit meinem Hund, dabei kann ich abschalten und mich vom Alltag erholenStattdessen wird jeder Spaziergang zum Spießrutenlauf, du hast gar keine Lust mehr, mit deinem Hund nach draußen zu gehen
Wir haben einen großen Garten, da kann mein Hund seine Freiheit genießenStattdessen läuft er weg oder pöbelt ständig die Nachbarn am Zaun an
Da ich mich sehr gut um meinen Hund kümmere ist er top fit und gesundMittelmeerkrankheiten treten bei Hunden aus dem Ausland oftmals erst nach einer längeren Zeit auf; Aufgrund der schlechten Zucht steht schon bald die erste Operation an; Ständig hat dein Hund Durchfall oder zeigt allergische Reaktionen für die keine Ursache zu finden ist, du machst dir eigentlich permanent Sorgen
Wünsche vs Realität

Auch wenn sich das jetzt erst einmal ernüchternd anhört, so dramatisch, wie in der rechten Spalte soll es ja nicht bleiben. Und zahlreiche Kundenfälle zeigen: Der Schweiß, die Arbeit und der Aufwand lohnen sich. Dennoch ist es wirklich wichtig, die Realität zu sehen wie sie ist, sich im Vorfeld zu informieren und dann trotz Enttäuschung, dass es anfangs erst einmal überhaupt nicht so läuft, wie man sich das vielleicht vorgestellt hat, mit dem neuen Familienmitglied zusammenzuwachsen und sich aufeinander einzustellen. Oftmals denken wir dann vielleicht, dass das alles mit einem Welpen viel einfacher ist. Doch meine Erfahrung zeigt: Auch mit einem Welpen fließen häufig Tränen und die Menschen kommen oft an ihre Grenzen, auch wenn es vereinzelt Ausnahmen gibt.

So, nun aber zum schöneren Teil. Jetzt schauen wir einmal, wie so ein Training aussehen kann und wie ein erfolgreiches Training in der Regel abläuft.

Ein Welpe zieht als neues Familienmitglied ein:

Bei einem Welpen lohnt es sich wirklich, frühzeitig nach einem Coaching zu suchen, nach Experten, die dich auf dem gesamten Weg begleiten können und dich in schwierigen und demotivierenden Situationen zu unterstützen. Noch viel zu selten wird unsere Beratung vor dem Einzug eines Welpen wahrgenommen. Dabei gibt es so viel im Vorhinein zu beachten und im Fokus stehen vor allem die Auswahl der Rasse und die Merkmale es renommierten Züchters. In meinem Buch FAQ Hund werden diese Themen übrigens sehr detailliert erklärt und du erfährst, wie man einen passenden Familienhund findet.

Ein häufiger Trugschluss ist dann leider auch, dass man mit einem Welpen bloß die Welpenspielstunde besuchen muss, danach kommt man dann alleine klar. Aber Achtung: Die wirklichen Probleme kommen dann im Junghundealter. Mit der Pubertät kommen die Herausforderungen aus dem Welpenalter zurück und dann ist der Hund schon viel größer und hat deutlich mehr Kraft. Ich würde mir also wünschen, dass die Menschen, die einen Welpen zu sich holen, einplanen, Kurse und Coaching bis zu einem Alter des Hundes von mindestens 2 Jahren einzuplanen.

Folgendes ist mir dabei ganz wichtig: Das heißt jetzt nicht, dass man für 2 Jahre einmal wöchentlich die Hundeschule besuchen muss. Wichtig ist aber, sich immer wieder neuen Input zu holen. Den Blick von außen auf das eigene Training zuzulassen und darüber wirklich dafür zu sorgen, dass der eigene Hund die Grundsignale super gut beherrscht, auch in ablenkungsreicher Umgebung.

Ein Hund, der dieses Kriterium erfüllt, kann eine Bereicherung für den Familienalltag sein. Dann macht es auch Spaß, sich mit seinem Hund zu beschäftigen und ihn überall mit hinzunehmen.

Sollte ich an Gruppenstunden teilnehmen, Einzeltraining mit meinem Hund besuchen oder einen Onlinekurs absolvieren?

Aus meiner Erfahrung heraus lernen Menschen sehr unterschiedlich. Die geeignete Lernsituation kann dabei sehr verschieden sein. Die einen genießen das Training in einer Gruppe, tauschen sich gerne mit anderen KursteilnehmerInnen aus und schöpfen aus der Gruppe neue Kraft für den Alltag. Andere Menschen können für sich selbst viel mehr aus dem Einzeltraining mitnehmen. Eine Einzelstunde kann dabei genauso intensiv sein und so viel Input enthalten, wie mehrere Kurstage zusammen in einer Gruppe. Auch wenn Einzeltrainings grundsätzlich finanziell deutlich teuer sind als das Training in einer Gruppe, kann der Profit für bestimmte Menschen im Einzeltraining viel höher sein. Zusätzlich kann auch ein Onlinekurs eine hervorragende Möglichkeit sein, sich kompetent im Training unterstützen zu lassen.

Mein Apell ist jedoch, dich in regelmäßigen Abständen mit neuem Input zu befassen, Ziele zu überprüfen, Erfolge zu feiern und neue Ziele zu setzen. Das Zusammenleben mit vielen Hunden wäre so viel harmonischer, wenn die Hunde geistig mehr gefordert würden und die Grundsignale wirklich gut beherrschen würden.

Ein Tierschutzhund zieht ein:

Zieht ein Tierschutzhund ein, fällt der Welpenkurs weg, da die Hunde oftmals bereits zu alt für den Welpenkurs sind. Oftmals ist der Trainingsstand eines Vierbeiners, der neu ins Haus kommt, aber mit dem eines Welpen vergleichbar. Zusätzlich bringen viele Hunde dann aber auch noch spezielle Themen mit, wie beispielsweise übermäßig ängstliches oder aggressives Verhalten.

Dies führt dazu, dass sich Gruppenstunden zu Beginn des Trainings überhaupt nicht eignen. Oftmals sind Hund und Mensch stark überfordert und die intensive Betreuung und Unterstützung durch den TrainerIn, kann nicht genügend stattfinden.

Ich empfehle also dringend mehrere Stunden Einzeltraining mit dem Einzug eines Vierbeiners einzuplanen, auch finanziell. Oftmals werden wir TrainerInnen erst zur Hilfe gerufen, wenn es schon zu Beißvorfällen gekommen ist, oder die Situation so schwer auszuhalten ist, dass bereits im Raum steht, den Hund wieder abzugeben.

Wie ist der Ablauf eines Einzeltrainings in der Hundeschule?

Wir starten das Training immer erst einmal mit einem Erstgespräch. Der Begriff zeigt schon, dass wir oftmals nicht sofort mit einer praktischen Übung starten können, sondern uns erst einmal einen Überblick über die Sachlage verschaffen müssen. Dabei ist es oftmals zunächst einmal gar nicht nötig, die stark problematischen Situationen zu provozieren und noch einmal nachzustellen. Stattdessen stellen wir ganz viele Fragen zum Lebensumfeld, lassen uns die Situationen ganz genau beschreiben und beobachten zeitgleich Mensch und Hund, da uns die Körpersprache wesentlich bei der Einschätzung des Hundes hilft.

Ziel des Ersttermins ist es, herauszufinden, welche Ursache(n) hinter dem problematischen Verhalten stecken und diese Wissen mit den Hundebesitzern zu teilen und genau zu erklären.

Das praktische Training teilt sich dann in zwei wesentliche Bereiche auf: Erste Hilfe Maßnahmen (kurzfristige Hilfestellungen) und das spezielle Training welches an der Ursache des problematischen Verhaltens ansetzt (langfristiges Training).

Und jetzt kommt der Teil, der mir ganz besonders wichtig ist:

Nach einem Termin ist das problematische Verhalten oftmals noch nicht gelöst. Wenn wir uns vorstellen, wie viel Zeit es braucht, aus einem Welpen einen gut erzogenen erwachsen Hund werden zu lassen (so 2 Jahre), dann wird schnell offensichtlich, dass die Betreuung im Einzeltraining über mehr als einen Termin hinaus erfolgen muss, um wirkliche Veränderungen zu bewirken.

Ich empfehle anfänglich im Training einen Abstand zwischen 3 und 4 Wochen bis zum nächsten Termin zu wählen. Später kann der Abstand zwischen den Terminen größer gewählt werden.

„Gras wächst nicht schneller, nur weil man daran zieht“

Remo Largo

Ein wirklich entscheidender Faktor für das Training ist die Motivation des Menschen. Hundetraining ist wirklich anstrengend und wir müssen dranbleiben. Hierbei dienen wir TrainerInnen euch gerne als Motivationsquelle. Wir zeigen euch das Licht am Ende des Tunnels und schenken euch Verständnis. Gleichzeitig gibt es von uns aber auch den Tritt in den Allerwertesten, damit ihr dran bleibt und euer Ziel erreicht. Und dann kommen die Erfolge. Dann blickt ihr zurück auf eine anstrengende Zeit, mit zahlreichen Höhen und Tiefen, auf die ihr aber mit Stolz und Zufriedenheit zurückblickt. Und diese Momente feiern wir dann mit euch, denn wir wissen, wie viel Kraft euch das gekostet hat.

Dann kommen die schönen Momente. Du merkst plötzlich, wie viel entspannter dein Hund geworden ist, wie harmonisch das Zusammenleben sein kann und du kannst vielleicht doch ein paar Punkte auf der linken Seite unserer oben genannten Liste abhaken. Gleichzeitig bist du an deinen Aufgaben gewachsen, hast wahnsinnig viel über Hunde, deren Training und Kommunikation gelernt und möchtest deinen treuen Vierbeiner in deinem Leben nicht mehr missen.

Mache dir also im Vorfeld Gedanken, plane ein intensives Training mit ein und bitte schaue frühzeitig nach fachlicher Unterstützung.

Deine Valérie

Tierärztin, Autorin und deine Hundeexpertin: Valérie Pöter

Über mich

Valérie Pöter hat 2017 ihr Staatsexamen als Tierärztin abgelegt und ist seit 2018 als Hundetrainerin tätig.

In ihrer Hundeschule in Oldenburg legt sie großen Wert auf Spaß und Motivation im Training und auf die verständliche Erklärung komplexer Zusammenhänge.

Diese Fähigkeiten brachten sie zusammen mit ihrer Leidenschaft fürs Zeichnen dazu, Fachwissen rund um den Hund auf ihrem Blog strukturiert und kreativ zu vermitteln – die Idee zu den FAQ Hund war geboren!

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