Gibt es ängstliche oder aggressive Hunderassen?

Hundetraining

Worauf sollte ich bei der Auswahl meines Welpen achten? Welchen Welpen aus dem Wurf soll ich mir am besten aussuchen?

Diese Fragen sind natürlich ohne den Wurf kennengelernt zu haben gar nicht zu beantworten. Genauso wichtig ist es, sich überhaupt erst einmal bewusst zu machen, wie die eigene Lebenssituation aussieht und welche Eigenschaften man sich von einem Hund wünscht, beziehungsweise welche Charaktereigenschaften gut zum eigenen Alltag passen würden.

Ich möchte heute einmal den Fokus darauf richten, ob Angst oder ängstliches Verhalten von der Mutterhündin auf den Welpen übertragbar ist, einmal genetisch gesehen, aber auch durch Beobachtungslernen.

Grundsätzlich lässt sich der zweite Aspekt etwas leichter beantworten, denn ja, man hat wissenschaftlich festgestellt, dass eine Mutterhündin, die sich grundsätzlich ängstlich oder sehr unsicher und zurückhaltend verhält, als negatives Vorbild für die Welpen wirken kann. Dabei gibt es immer auch Ausnahmen, dass heißt Welpen, die trotzdem selbstbewusst und sicher mit Umweltreizen umgehen, denn auch der Züchter und die spätere Familie nehmen auf die Welpen Einfluss. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Mutterhündin zum Vorbild für ihre Welpen wird.

Bei der Vererbung von Merkmalen, die sich auf das Verhalten auswirken, ist es schwierig, genau vorherzusagen, wie sich das Merkmal auf den Wurf auswirken wird. Am einfachsten sind Erbgänge zu erklären, wenn das Merkmal nur auf einem Allel vorkommt und man sicher weiß, welche Gensequenz für das Merkmal verantwortlich ist. Das ist aber oftmals nicht der Fall. So konnte man bis heute beispielsweise keinen Genabschnitt für die Vererbung von Aggressionsverhalten benennen. Daher gibt es auch keine Rasse die als besonders aggressiv einzuschätzen ist. Genauso verhält es sich bei ängstlichem Verhalten. Dennoch fällt auf, dass in bestimmten Linien oder bei bestimmten Verpaarungen von Elterntieren, vermehrt aggressive oder ängstliche Welpen zu beobachten sind. Daher ist es sehr wichtig bei der Auswahl der Elterntiere nicht nur auf das äußere Erscheinungsbild zu achten, sondern auch auf charakterliche Merkmale und typische Verhaltensweisen der Elterntiere.

Schauen wir uns einmal an, was es so für Theorien zu der Vererbung von Merkmalen gibt. Vielleicht kennst du aus der Schule noch die Mendelschen Regeln.

Die Vererbung von Merkmalen ist teilweise sehr komplex, daher können die Mendelschen Regeln nicht auf alle Merkmal angewendet werden und es müssen andere Theorien mitberücksichtigt werden. Dennoch helfen die Mendelschen Regeln sich die Vererbung einmal vereinfacht vorzustellen und bestimmte Dinge in einen Zusammenhang zu bringen und dadurch vielleicht bei der Entscheidung zu helfen, welche Elterntiere miteinander verpaart werden sollten oder eben nicht.

Gregor Mendel, ein Mönch aus dem 19. Jahrhundert, wurde unter anderem für seine Beobachtungen mit verschiedenen Erbsenpflanzen bekannt. Vor  allem beschrieb er dabei, wie oft welche Merkmale bei den Nachkommen der sogenannten F1 Generation vorkommen. Darauf aufbauend beschrieb er 3 grundlegende Vererbungsregeln:

  1. Uniformitätsregel
  2. Spaltungsregel
  3. Unabhängigkeitsregel

Wichtig: Diese Regeln gelten ausschließlich bei Lebewesen, bei denen jedes Allel doppelt vorkommt.

Aber was ist eigentlich ein Allel?

Hierzu müssen wir uns einmal anschauen, wie unsere Erbinformation, beziehungsweise die unseres Hundes überhaupt im Körper vorkommt.

Unser Körper besteht aus vielen verschiedenen Zellen, die einen oder mehrere Zellkerne besitzen. In diesen Zellkernen liegt unsere DNA. Hierbei handelt es sich vereinfacht formuliert um eine lange Kette aus 2 Strängen die wie eine Spirale aufgedreht sind. Wenn gerade keine Zellteilung stattfindet, liegt die DNA als Chromosomen in der Zelle. Selbst Tomaten besitzen Chromosomen, die Anzahl von Chromosomen ist artspezifisch unterschiedlich. Tomaten haben beispielsweise 24 Chromosomen, der Mensch 46 und der Hund 78. Auf diesen Chromosomen liegen also alle Merkmale die ein Organismus zu bieten hat. Beispielsweise von der Fellfarbe, über die Augenfarbe, Rassemerkmale aber auch mögliche Erbkrankheiten oder Merkmale von Verhaltensausprägungen. So ganz im Detail möchte ich das jetzt nicht besprechen, weil das Thema doch sehr komplex ist und wir zur Beantwortung der Fragestellung gar nicht alles im Detail wissen müssen. Nehmen wir das Beispiel der Fellfarbe. Irgendwo, an einer ganz bestimmten Stelle auf dem Chromosom, befindet sich ein Abschnitt der DNA, der für die Fellfarbe verantwortlich ist. Da es rassenspezifisch verschiedene Varianten für die Fellfarbe gibt, sind diese hier zu finden und werden Allele genannt. Entscheidend ist jedoch, dass es Merkmale gibt, die jeweils durch nur 2 Allele vertreten sind. Das machte die ganze Sache ein bisschen einfacher. Es gibt aber auch Merkmale die mehr als 2 Varianten aufweisen, dann wird das Ganze komplizierter und die Mendelschen Regeln sind nicht mehr anwendbar.

Schauen wir uns die 3 Regeln einmal zusammengefasst an:

Die Uniformitätsregel besagt, dass wenn man 2 Elterntiere miteinander verpaart, die sich in einem Merkmal unterscheiden (nehmen wir einmal an ängstlich vs. sicher) dann sind die Erbanlagen aller Welpen gleich. Das heißt, alle Welpen können sowohl sicheres als auch unsicheres Verhalten zeigen.

Ist ein Merkmal eines Elterntieres dem Merkmal des anderen Elterntieres gegenüber dominant, dann werden alle Welpen das dominante Merkmal ausprägen/im Verhalten zeigen.

Das heißt, wenn eine unsichere Hündin, die dieses Merkmal dominant vererbt, mit einem Rüden verpaart wird, der eigentlich ein sicheres Veralten vererben würde, werden die Welpen dennoch unsicher sein.

Andersherum kann sich das Merkmal eines sicheren Verhaltens gegenüber einem unsicheren Verhalten durchsetzen, wenn es sich um ein dominantes Merkmal handelt.

Aber Achtung, die Welpen einer solchen Kombination, könnten wieder unsicheres Verhalten an ihre Nachkommen weiter geben.

Auf der sichersten Seite ist man also, wenn sowohl die Mutterhündin, als auch der Rüde ein sicheres und freundliches Verhalten an den Tag legen.

Da man ja nicht wirklich weiß, ob und wie unsicheres Verhalten tatsächlich genetisch vererbt wird, ist das jetzt hier ein bisschen Spekulation. Zum Schluss erkläre ich aber, welche Rückschlüsse wir dabei auf die Auswahl der Elterntiere schließen können.

Bei der Spaltungsregel gehen wir im ersten Fall wieder erst einmal davon aus, dass sich beide Merkmale der Elterntiere gleich stark ausprägen (intermediär).

Nun gehen wir von Elterntieren aus, die aus der oben genannten Verpaarung entstanden sind. Sie tragen also jeweils ein Allel für sicheres Verhalten und eins für unsicheres/ängstliches Verhalten.

Verpaart man zwei solcher Hunde miteinander, tritt bei den Welpen folgendes Verhältnis auf (nehmen wir an es werden 4 Welpen geboren): 1 Welpe wird ängstlich sein, ein Welpe sicher und zwei Welpen werden beide Anteile in sich tragen.

Gehen wir nun wieder davon aus, dass sich eines der beiden Merkmale dominant ausprägt, also sich gegenüber dem anderen Merkmal durchsetzt, ändert sich das Verhältnis: von den 4 Welpen werden 3 Welpen das dominante Merkmal ausprägen und 1 Welpe das andere Merkmal. Ist das Merkmal für unsicheres Verhalten also dominant, werden 3 von 4 Welpen unsicheres Verhalten zeigen, obwohl der andere Elternteil sicheres Verhalten zeigt. So würde man vielleicht denken, dass ein sicherer Rüde gut zu einer unsicheren Hündin passt, dem ist nach dieser Theorie dann aber nicht so, denn 3 von 4 Welpen würden ein unsicheres Verhalten zeigen.

Bei der Unabhängigkeitsregel werden nun zwei Merkmale betrachtet, daher ist das für uns jetzt nicht ganz so relevant, ich fasse diese Regel aber dennoch einmal kurz zusammen. Sie sagt folgendes aus: Wenn 2 oder mehrere Merkmal auf unterschiedlichen Chromosomen liegen können sie unabhängig voneinander vererbt werden. Liegen sie jedoch auf demselben Chromosom, werden sie zusammen vererbt.

Nehmen wir also zu unserem Merkmal des ängstlichen Verhaltens noch die Fellfarbe (schwarz und braun) hinzu.

Liegen die Fellfarbe und das Veralten also nun auf zwei unterschiedlichen Chromosomen, würde sowohl unsichere schwarze also auch unsichere braune Welpen entstehen.

Befinden sich die Merkmale auf denselben Chromosomen, werden sie zusammen vererbt. Je nach Kombination könnte man daraus also schlussfolgern, dass ängstliches Verhalten und eine braune Fellfarbe immer zusammen auftreten. Ein Erklärungsversuch könnte dies für die silberne Farbe beim Labrador sein, wenn es um die Einschätzung von Territorialverhalten geht. Geht man davon aus, dass die Fellfarbe von einem Vorfahren stammt, der der Rasse Weimaraner entsprach, wäre ein möglicher Erklärungsansatz, dass die Anlagen für territoriales Verhalten und der silbernen Fellfarbe sich auf einem Chromosom befinden und auch in den Folgegenerationen gemeinsam vererbt wird.

Und noch einmal der Hinweis an meine kritischen Leser und Leserinnen: Es ist nur ein Erklärungsansatz und ich bin mir bewusst, dass man die Vererbung nicht so einfach herunterbrechen kann. Das Ganze soll dazu dienen sich einmal Gedanken über die Auswahl der Mutterhündin und des Rüden zu machen in Bezug auf Verhaltensausprägungen. Mit einem Rüden oder einer Hündin, die durch ängstliches oder unsicheres Verhalten auffällt, sollte nicht gezüchtet werden, damit die Welpen nicht bereits mit einer genetischen Disposition oder Veranlagung für ängstliches Verhalten auf die Welt kommen. Stattdessen sollte der renommierte Züchter bzw. die renommierte Züchterin ihre eigenen Hunde sehr gut kennen und einschätzen können, um entscheiden zu können, ob die entsprechende Hündin bzw. der entsprechende Rüde zur Zucht geeignet ist.

Tierärztin, Autorin und deine Hundeexpertin: Valérie Pöter

Über mich

Valérie Pöter hat 2017 ihr Staatsexamen als Tierärztin abgelegt und ist seit 2018 als Hundetrainerin tätig.

In ihrer Hundeschule in Oldenburg legt sie großen Wert auf Spaß und Motivation im Training und auf die verständliche Erklärung komplexer Zusammenhänge.

Diese Fähigkeiten brachten sie zusammen mit ihrer Leidenschaft fürs Zeichnen dazu, Fachwissen rund um den Hund auf ihrem Blog strukturiert und kreativ zu vermitteln – die Idee zu den FAQ Hund war geboren!

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